Rationalität und Intuition – ein Gegensatz?

Bewußte Entscheidungen treffen

Das rechtzeitige und bewußte Treffen von Entscheidungen wird in der Psychologie „proaktives Handeln“ genannt. Im Gegensatz zu reaktivem Handeln hat es den Vorteil, dass wir selbst die Initiative ergreifen und zusätzlich mehr Handlungsoptionen eröffnet werden. Damit haben wir mehr Wahlfreiheit aber auch mehr Verantwortung für das eigene Verhalten im Vergleich zum reaktiven Verhalten, wo wir recht schnell die Verantwortung auf andere Menschen oder Situationen übertragen. Wie können wir solche Entscheidungen nun am besten treffen?

Aus dem Bauch heraus – Die Intuition

Entscheidungen werden nicht nur nach rein rationalen Gesichtspunkten gefällt sondern auch nach emotionale Befindlichkeiten. Es ist ein Irrtum, dass die besseren Entscheidungen ausschließlich nach rationalen Gesichtpunken gefällt werden. Emotionale Beweggründe zeigen grundlegende Werte oder Haltungen der Personen, die nicht immer bewusst sein müssen.
Aber auch Entscheidungen, die auf Intuition beruhen, „aus dem Bauch heraus“ getroffen sind, müssen nicht die besseren Entscheidungen sein. Unbewusste emotionale Impulse können in diesem Fall angelernte emotionale Muster sein, die in unserem aktuellen Leben nicht mehr angemessen sind.

Die unbewusste Angst vor den Konsequenzen einer Entscheidung kann beispielsweise immer wieder dazu führen, dass wir uns gegen diese Option entscheiden, obwohl sie uns unserem Ziel näher bringen würde. Wir haben uns hier aufgrund eines ersten emotionen Impulses dagegen entschieden.

Hinter der Beliebtheit der Intuition steht sicherlich auch die Hoffnung, dass wir uns die anstrengenden Prozesse des Nachdenkens und Abwägens sparen können.

Rationalität und Intuition – ein Gegensatz?

Es ist nicht sehr sinnvoll, aus Rationalität und Intuition einen Gegensatz zu machen. Intuition ist nichts, was uns unfehlbar zum richtigen Ergebnis führt. Sie ist eine unbewußte Verarbeitung und Bewertung von Wahrnehmungen, Eindrücken und Informationen. In Abhängigkeit von den uns vorliegenden Informationen entstehen deshalb auch völlig unterschiedliche Intuitionen.

Eine intuitive Bewertung kann also auch nach einer Analyse aller Fakten entstehen und stark von unserem ersten spontanem, und möglicherweise auf einseitigen und unzureichenden Informationen entwickeltem „Bauchgefühl“ abweichen.

Zusammenarbeit von Ratio und Intuition

Optimalerweise arbeiten beide „Instanzen“ zusammen, kommunizieren miteinander, ergänzen sich durch ihre Vorteile. Mit Hilfe der Ratio können wir versuchen, unser erstes „Bauchgefühl“ zu verstehen, d. h. die Gründe für eine Wahl in die eine oder andere Richtung herauszufinden. Was spricht für die verschiedenen Optionen und was dagegen? Diese kann man dann mit den rationalen Anforderungen vergleichen, die durch Fakten und gesammelte Informationen ergänzt werden.

Nur Mut beim wissenschaftlichen Schreiben

Ein wichtiger Aspekt beim wissenschaftlichen Schreiben ist die Tatsache, dass wir permanent Entscheidungen treffen müssen. Ist diese Formulierung gut? Möchte ich diesen Autor noch erwähnen? Ist das Zitat passend? Gehört dies noch zu meiner Arbeit? Ich muss aus vielen verschiedenen Fakten auszuwähle: Was erwähne ich? Welcher Autor ist wichtig? Worüber möchte ich berichten? Wo liegt die Grenze meiner Arbeit?

Schreiben fällt umso schwerer, je mehr Gestaltungsspielraum man besitzt und je weniger man auf Routinen zurückgreifen kann. Wissenschaftliche Standards helfen bei der Strukturierung der Gedanken und des Geschriebenem. Aber auch hier gilt: Je weniger konkret diese sind, desto schwieriger wird das Schreiben.

Hier gilt es also, Entscheidungen zu treffen; Etwas zu wählen und damit gleichzeitig auch etwas Anderes abzuwählen. Solche Entscheidungen können Unsicherheiten und Ängste auslösen. Sie sind eine Veröffentlichung unseres eigenen Denkens, eigener Meinungen. Sie müssen sich mit unseren unbewussten Anforderungen an uns selbst messen lassen. Wir treten damit auf die Bühne und setzen uns dadurch einer Kritik aus.

Häufig sind diese Prozesse nicht bewusst und äußern sich in einem unbestimmten Unbehagen, einem Ausweichen durch Vermeidung von Schreiben, ein Verhalten, welches zu Schuld- und Schamgefühlen führen kann.

Eine Bewusstmachung dieser Ängste führt häufig zu Erleichterung. „Ich bin nicht unfähig, sondern ich muss hier eine Entscheidung treffen. So etwas verunsichert mich.“

In einem weiteren Schritt kann es darum gehen, was genau mir eigentlich solche Angst macht, inwieweit diese realistisch ist bzw. wie ich einen anderen, besseren Umgang damit finden kann.

„Soll ich’s wirklich machen oder lass‘ ich’s lieber sein?“

Fettes Brot bringen in ihrem Hit Jein eine Frage auf den Tisch, mit der wir uns in unserem Leben beinahe täglich mit unterschiedlicher Dringlichkeit befassen. Das Treffen wichtiger Entscheidungen kann uns in schiere Verzweiflung bringen und nicht wenige Klienten kommen in meine Sitzungen nach einer langen quälenden Phase, in der sie versucht haben, diese Entscheidungsschwierigkeiten zu lösen. Das Vermeiden von wichtigen Entscheidungen raubt uns Energie und kann zu Rückzug und Depression führen.

Ein wesentlicher Aspekt von Entscheidungen ist der Abschied. Wir müssen uns von allen anderen Optionen verabschieden, von Ideen, Phantasien oder von Bildern unserer Selbst lösen. So lange ich mich nicht entschieden habe, denke ich, mir stehen alle Optionen offen. (Was in meinem Leben dennoch keine Bedeutung hat, da ich keine Einzige davon nutze. )

Heinz von Foerster sagt: „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden“ (KybernEthik, 1993, ISBN 3883961116)

Was bedeutet dies: Bei Entscheidungsschwierigkeiten wird häufig der Vorschlag gemacht, alle positiven und negativen Konsequenzen der Entscheidung aufzuschreiben. Manchmal ist dies auch hilfreich, aber oft führt dieser Weg auch hier zu keinem Entschluß. Abgesehen davon ist uns unmöglich, alle möglichen relevanten Informationen zu sammeln, um auf deren Basis eine vernunftgeleitete Entscheidung zu treffen. Aber selbst, wenn wir dies könnten:
Wir können nicht in die Zukunft sehen; wir können nicht vorhersagen, ob die Entscheidung die richtige sein wird. Eine Entscheidung ist also immer auch ein Risiko, auf welches wir uns mutig einlassen müssen.

Etwas können wir dennoch tun: Wir können uns vorher überlegen: Was werde ich tun, wenn ich wirklich eine falsche Entscheidung getroffen habe.

Oder es ist möglich, sich zu sagen, ich habe diese Entscheidung für die nächste Zeit getroffen. Möglicherweise werde ich in der Zukunft diese Entscheidung revidieren, aber jetzt entscheide ich mich so.